Schweizer Bauratgeber für Bauherren und Hausbesitzer

Mit warmen Händen geben statt mit kalten

Jungen Familien, die vom Eigenheim träumen, fehlt oftmals das notwendige Eigenkapital. Mittels Erbvorbezug, Schenkung oder Darlehen können die Eltern Abhilfe schaffen.

Fehlt einer jungen Familie das nötige Eigenkapital, können ihr die Eltern, sofern sie über entsprechende Mittel verfügen, unter die Arme greifen. Der Volksmund sagt, dass es besser ist, solches mit warmen Händen – zu Lebzeiten – zu tun als mit kalten – auf den Tod hin. Dies ist an sich weise, aber eine Vermögensübertragung zu Lebzeiten birgt auch Gefahren. Nach dem Tod der Eltern kann es zu Erbstreitigkeiten kommen, wenn nicht alle Nachkommen von den Eltern gleich behandelt werden. Im schlimmsten Fall wird der Empfänger der Vermögensübertragung sogar in eine finanzielle Notlage gedrängt. Es empfiehlt sich deshalb, Rat bei einem Rechtsanwalt einzuholen.

Grundsätzlich gibt es drei Wege, eine solche Vermögensübertragung durchzuführen, in Form eines Erbvorbezuges, einer Schenkung oder eines Darlehens.


Wenn das Geld von Angehörigen «Früchte» tragen soll, um die Finanzierung eines Eigenheims zu ermöglichen, dann empfiehlt sich ein Erbvertrag.
Wenn das Geld von Angehörigen «Früchte» tragen soll, um die Finanzierung eines Eigenheims zu ermöglichen, dann empfiehlt sich ein Erbvertrag.
Marcello Weber, lic.iur. LL.M., ist Fachanwalt SAV Erbrecht und Notar in Zug.
Marcello Weber, lic.iur. LL.M.,
ist Fachanwalt SAV Erbrecht
und Notar in Zug.

Erbvorbezug
Der Erbvorbezug ist eine unentgeltliche, lebzeitige Zuwendung, welche dem Empfänger im späteren Erbfall an seinen Erbteil anzurechnen ist. Beispielsweise muss sich ein Sohn, der von seiner Mutter zu Lebzeiten CHF 30 000 erhalten hat, diesen Betrag bei Ableben der Mutter an seinen Erbteil anrechnen lassen. Diese Ausgleichungspflicht stellt sicher, dass alle Kinder am Ende gleich viel erhalten. Es ist empfehlenswert, den Sohn über diese Ausgleichungspflicht in Kenntnis zu setzen. Je nachdem, wie hoch der Nachlass der Mutter ausfällt, könnte der Sohn sogar zur Rückzahlung des Erhaltenen verpflichtet werden. Soll dies dem Kind erspart bleiben, kann die Mutter ihren Sohn von der Ausgleichungspflicht ausdrücklich befreien. Um spätere Streitigkeiten und Beweisprobleme zu vermeiden, empfiehlt es sich, dies schriftlich festzuhalten. Die Befreiung darf aber die Pflichtteile der anderen Erben nicht verletzen.

Schenkung
Eine Schenkung ist ebenfalls eine unentgeltliche Zuwendung unter Lebenden. Im Gegensatz zum Erbvorbezug ist sie beim späteren Erbfall grundsätzlich nicht zu berücksichtigen. Ausgenommen davon sind Schenkungen mit Ausstattungscharakter, wovon beim Erwerb einer Liegenschaft wohl auszugehen ist. Sie unterliegen, wie der Erbvorbezug, ebenfalls der Ausgleichungspflicht. Besonderes Augenmerk verdient in diesem Zusammenhang die sogenannte gemischte Schenkung. Eine gemischte Schenkung liegt vor, wenn lediglich ein Teil der Vermögensübertragung unentgeltlich, der andere hingegen entgeltlich erfolgt. Dies ist bei der Übertragung eines Einfamilienhauses zu einem massiv unter dem Marktwert liegenden Kaufpreis der Fall. Der unentgeltliche Teil bildet dabei die Differenz zwischen dem Marktwert und dem tatsächlich vereinbarten Kaufpreis. Dieser ist bei der künftigen erbrechtlichen Auseinandersetzung ebenfalls zur Ausgleichung zu bringen.

Darlehen
Als dritte Möglichkeit kommt ein Darlehen in Betracht. Im Gegensatz zum Erbvorbezug und zur Schenkung bleiben die Eigentumsverhältnisse beim Darlehen trotz Vermögensübertragung gleich. Leiht die Mutter beispielsweise dem Sohn CHF 30 000, muss sie dieses Darlehen in ihrer Steuererklärung dennoch im Vermögen deklarieren. Beim Sohn hingegen ist das Darlehen in der Steuererklärung als Schuld aufzuführen. Die Darlehensforderung geht im Todesfall auf die Erben über. Das Darlehen kann jederzeit gekündigt und zurückgefordert werden. Dies im Gegensatz zur Schenkung und zum Erbvorbezug, bei welchen die Vermögensübertragung endgültig erfolgt.

Die lebzeitige Zuwendung erfolgt meistens durch die Übertragung von Geld, Wertpapieren oder Liegenschaften. Ist die Vermögensübertragung ausgleichungspflichtig, muss der anrechenbare Wert der Zuwendung festgelegt werden. Im Grundsatz entspricht der Anrechnungswert stets dem Wert der Zuwendung im Todeszeitpunkt des Erblassers. Für Zuwendungen in Form von Geld spielt der Zeitpunkt für die Festlegung des Anrechnungswerts keine Rolle, da vom Nominalwert – also vom ursprünglichen Wert der Zuwendung – auszugehen ist. Unabhängig der wirtschaftlichen Entwicklung bleibt dieser Wert immer gleich und unterliegt insbesondere keinen konjunkturellen Schwankungen. Im Gegensatz dazu spielt der Todeszeitpunkt bei der Übertragung einer Liegenschaft eine erhebliche Rolle. Der spätere Anrechnungswert im Todeszeitpunkt des Erblassers kann allenfalls massiv höher ausfallen, als der Wert im Zeitpunkt der ursprünglichen Zuwendung betrug. Solche Zuwendungen sind prädestiniert, bei fehlender oder falscher Regelung im Zeitpunkt des Ablebens für böse Überraschungen zu sorgen.

Steuerrechtliche Folgen
Lebzeitige Zuwendungen haben je nach Kanton und Verwandtschaftsgrad des Empfängers unter Umständen steuerrechtliche Folgen. Handelt es sich beim Empfänger um einen Nachkommen, ist meist keine Schenkungssteuer fällig.

Fazit
Das Geben mit warmen Händen mag also auf den ersten Blick simpel erscheinen. Bei genauerer Betrachtung kann es aber erhebliche, vor allem erbrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, die besser bereits im Vorfeld geregelt werden. Die Regelung kann zum Beispiel mittels eines Erbvertrages zwischen dem zukünftigen Erblasser und allen Nachkommen erfolgen. Dieser gute Rat ist nicht – wie oft behauptet – teuer; teuer ist ein allfälliger späterer Erbstreit.

Text: Marcello Weber
aus: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 1/2020

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