Mit dem Val S-charl verbindet die Bündner Architektin Marisa Feuerstein zahlreiche Kindheitserinnerungen. In diesem Unterengadiner Tal, am Rande des Schweizerischen Nationalparks gelegen, verbrachte sie mit ihren Eltern und Geschwistern unbeschwerte Ferientage und Wochenenden. Ihre Familie besitzt heute noch ein kleines Haus zuhinterst im Tal. Vor kurzem war es nun auch ihre Arbeit, die sie zurück ins Val S-charl führte. Für ihren Bruder hat sie einen ehemaligen Heustall zum Ferienhaus ausgebaut.
Alpine Umgebung
Marisa Feuerstein leitet in Scuol ihr eigenes Büro mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Fahrt mit dem Auto bis ins Val S-charl nimmt ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch. Die Architektin kennt die kurvenreiche Strecke bergauf praktisch im Schlaf. Das Dörfchen S-charl ist auf rund 1800 Metern in einer alpinen Umgebung gelegen; im Winter liegt hier normalerweise sehr viel Schnee. Die Zufahrtsstrasse ist dann gesperrt, und das Dorf ist nur mit der Pferdekutsche oder zu Fuss erreichbar. Tourenskifahrer sorgen im Winter für etwas Betrieb im Tal; zwei Hotels empfangen Gäste.
Auch im Sommer endet die Fahrt nach S-charl beim Dorfeingang. Hier muss der Wagen auf einem Parkplatz abgestellt werden. Das Dorf ist autofrei. Der Dorfkern mit etwas mehr als einem Dutzend schöner, alter Häuser gruppiert sich um die Kirche und einen grossen Kiesplatz mit einem auffälligen Brunnen. Diesen ziert eine Bären-Skulptur, die daran erinnert, dass im Val S-charl im Jahr 1904 ein Bär geschossen wurde.
Modern und klar strukturiert
Der Stall, den Marisa Feuerstein in ein Ferienhaus verwandelt hat, ist an ein Wohnhaus angebaut. Der Gebäudekomplex entspricht dem Haustyp, der in dieser Gegend früher üblich war. Er sei schätzungsweise 300 bis 400 Jahre alt, sagt die Architektin. Der Wohnteil wird heute – unabhängig vom Stall – ebenfalls als Feriendomizil genutzt. Er ist wie die meisten anderen Häuser auf den Dorfplatz als Zentrum ausgerichtet. Der frühere Stall befindet sich auf der hinteren, dem Dorfzentrum abgewandten Seite mit Blick auf den Clemgia-Bach und einen wunderschönen Lärchenwald. Das neu ausgebaute Volumen wirkt von aussen modern und klar strukturiert. Gleichzeitig fügt es sich harmonisch in die alte Bausubstanz der Umgebung ein.
Der ehemalige Heustall war mit einer Tiefe von fünf Metern und einer Breite von zehn Metern relativ klein. Beim Umbau wurden drei Stockwerke bewohnbar gemacht. Ein Glück für die Architektin war, dass Ställe wie dieser früher auf der Südseite über eine gedeckte Veranda verfügten. Dieses Volumen durfte beim Umbau wieder nutzbar gemacht werden. Es tritt nun als Holzanbau mit grossen Fensterfronten in Erscheinung und schafft einen deutlichen Bezug zum wild-romantischen Aussenraum. Innen konnte dadurch der Wohnraum in der Stube grosszügiger gestaltet werden.
An der Grundstruktur des bestehenden Gebäudes wurde beim Ausbau nichts verändert. So hat man etwa die Wand gegen das Nachbarhaus mit Bruchsteinmauern erhalten und isoliert. Alte Holzteile wurden teilweise verstärkt und isoliert. Energietechnisch funktioniert der ausgebaute Stall autonom vom Nachbarhaus. Die Haustechnik – von der Heizung bis zur Stromversorgung – befindet sich auf dem neusten Stand.
Hochwertige Materialien
Der Bauherr wünschte eine einfache, schnörkellose Architektur. Das Raumprogramm sollte unter anderem zwei Schlafzimmer und viel Stauraum für Sportgeräte wie Skis und Velos umfassen. Einfach und schnörkellos hiess für die Architektin, mit klaren Linien zu arbeiten und wenig verschiedene, aber hochwertige Materialien zu verwenden. So fiel die Wahl bei den Stein-Bodenplatten im Eingangsbereich aussen wie innen auf geflammten Iragna-Granit. Beim Innenausbau wurde viel Arvenholz verwendet, wie es ins Unterengadin passt. In der Küche und im Wohnzimmer, wo der Boden stärker beansprucht wird als in den Schlafzimmern, entschied man sich für das etwas härtere Lärchenholz. Das Holz ist gebürstet und geölt.
Eine Herausforderung beim Planen bestand darin, jede Ecke im Haus optimal zu nutzen. So wurde im Entrée unter der Treppe ein kleines WC eingebaut. Hinter der Arvenholz-Verschalung verstecken sich zudem eine Mini-Waschküche mit Waschmaschine und Tumbler sowie ein abschliessbarer Stauraum. Eine Glastüre bildet den Abschluss zur Treppe hin und sorgt ausserdem dafür, dass die Wärme nicht zu schnell aus den Wohnräumen entweicht.
Eine Küche auf Mass
Kommt man die Treppe herauf, fällt im Wohnraum zuerst das hängende, drehbare Cheminée des französischen Herstellers Ergofocus auf. Der Blick schweift über die grosszügige Fensterfront mit dem Ausblick in die Natur und weiter in die offene Küche mit Kochinsel. Die Küche verfügt über allen wünschbaren Komfort wie Abwaschmaschine, Kühlschrank und Backofen. Für den Fall eines Stromausfalls – gar nicht so unüblich in den Bergen – steht neben dem Elektroherd auch ein Holzofen zur Verfügung. Die Küche aus geräucherter Lärche und Chromstahl wurde vom Bündner Schreiner Armon Lingenhag auf Mass eigens für dieses Objekt angefertigt. Beim Wohnzimmer wurde seitlich ein gedeckter Aussensitzplatz geschaffen. Im Winter wird dieser zum Schutz vor allzu starken Schneeverwehungen mit einem massiven Holzladen geschlossen.
Im Dachgeschoss befinden sich schliesslich zwei kleine Schlafkammern, in denen gerade das Nötigste Platz findet. Dafür wurde nebenan ein Schrankraum eingerichtet, um mitgebrachte Kleider zu verstauen. Zudem verfügt das Dachgeschoss mit den abgeschrägten Wänden über eine Dusche mit WC und Lavabo. Die Glastrennwand und der Arvenboden nehmen die Materialisierung im übrigen Haus wieder auf. Das Arvenholz wird auch nach Jahren noch wunderbar duften. In den Ausbau des jahrhundertealten Heustalls sei eine Menge Herzblut geflossen, resümiert die Architektin. Gelohnt hat es sich bestimmt. Denn viel Schöneres, als sich in die Abgeschiedenheit des Val S-charl zurückzuziehen, kann man sich in stressigen Zeiten kaum vorstellen. Wer Ruhe und Erholung sucht, ist hier mit Sicherheit gut aufgehoben.
| Architektur: Architectura Feuerstein Marisa Feuerstein, Projekt in Zusammenarbeit mit Men Clalüna Quadras 165 7550 Scuol Tel. 081 864 16 02 www.arch-feuerstein.ch |
Schreinerarbeiten: Armon Lingenhag Schreinerei Seraplana 7558 Strada |
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