Frisch gestyltes Domizil am Bodensee

Ein fast neues Domizil direkt am Bodenseeufer – da würden wohl viele einfach sagen: Einziehen, Aussicht geniessen, schwimmen gehen! Doch die neuen Besitzer dieses Hauses wünschten sich eine farbenfrohe Wohnwelt im Stil der 70er Jahre.
Einen Neubau kaufen und dann gleich umbauen? Das scheint im ersten Moment ein Widerspruch, trifft hier aber zu. Die ursprünglichen Er­bauer und Besitzer verkauften dieses Haus schon nach zweieinhalb Jahren, und da die Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, liessen sich die Neubesitzer ihr Zuhause auf den Leib schneidern. «Die wollen was Besonderes», erinnert sich die Konstanzer Innenarchitektin Gerda Schmidt. «Die Bauherrin hat ein ausgesprochenes Faible für die 70er Jahre, und ich konnte mir gut vorstellen, das Haus entsprechend zu gestalten.»

Freilich war am Anfang noch nicht ganz klar, ob die Umgestaltung sich auf die Inneneinrichtung beschränken würde oder ob auch bauliche Änderungen hinzukommen würden. Schliesslich verfolgte man eine Doppelstrategie: Mal genügte es, etwas Farbe aufzutragen, mal wurde auch ordentlich Hand an die Substanz gelegt. Das Ganze war ein längerer Prozess im kreativen Austausch zwischen Bauherrschaft und Innenarchitektin. Und die Umgestaltung ist noch nicht abgeschlossen...
 
Garage aus Plexiglas
Von der Strassenseite aus ist das Haus aufgrund der Hanglage zunächst kaum zu sehen. Eine auffallende Garage begrüsst Bewohner und Besucher. Ein Würfel aus zum Teil gefärbtem Plexiglas, der nicht nur den Blick auf den Fuhrpark der Familie, sondern auch auf den See gestattet. Diese Transparenz ist vielleicht auch eine Konzession an die schon länger ansässigen Nachbarn, deren Aussicht dadurch nicht so stark beeinträchtigt wird. Ein wichtiger Punkt, denn das Haus wurde nachträglich in eine gewachsene Bebauung eingefügt. So erklärt sich auch die knappe Breite des Grundstücks von nur dreizehn Metern. Es ist recht­eckig zugeschnitten, weist ein deutliches Gefälle auf und macht auf Höhe des unteren Hausabschlusses einen Knick in Richtung Ufer, zu dem es etwas sanfter abfällt.

In den Hang gebettet
Der Grundstückszuschnitt gab die Rechteckform des Grundrisses vor. Da sich das Haus möglichst nahtlos in seine Umgebung einpassen sollte, die Bauherren andererseits ein gewisses Raumprogramm verwirklichen wollten, wurde das Haus relativ tief in den Hang eingebettet, es wächst sozusagen wie ein Fels aus dem Gelände. Nur die oberste Ebene ist ringsum von Luft umgeben, das mittlere Geschoss ragt etwa zur Hälfte aus dem Erdreich, das Untergeschoss gibt nur über die verglaste Ostseite den Blick nach draussen frei, dafür hat es Seesicht.

Der Zugang zum Haus erfolgt hangseits. Von der Garage führt seitwärts eine Treppe zum Hauseingang. Dieser liegt an dem Durchgang zwischen Nebenbau (unter der Garage) und Haupthaus. Der Anbau dient als multifunktionaler Raum, in dem ein Kind, ein Au-pair oder auch Gäste einquartiert werden können. Ausserdem ist ein Teil der Haustechnik hier untergebracht.

Auf drei Ebenen
Gegenüber erstreckt sich hinter der Haustür ein langer Flur als Erschliessungsachse bis zur gegenüberliegenden Schmalseite. Links davon führt als parallele Achse eine gerade Treppe zu den beiden unteren Geschossen. Das obere Geschoss umfasst die Schlafräume, worüber Innenarchitektin Schmidt nicht sonderlich glücklich ist. Sie hätte lieber das Wohngeschoss oben angeordnet. «Aber es gab keine Möglichkeit, die Funktionen ­zwischen den Ebenen auszutauschen.» Folgt man dem Flur im Obergeschoss ­Richtung See, trifft man auf zwei Glasfugen in Boden, Wand und Decke. Durch sie sind die Raumzellen voneinander getrennt. Das ist bei allem ästhetischen Reiz keine Spielerei, sondern hat eine – im wahrsten Sinne! – tiefer liegende Bedeutung. Da es im Wohngeschoss darunter aufgrund der Hanglage wenig Möglichkeit gab, die Räume auch seitlich zu belichten, dienen diese ­Glasstreifen als Ersatz von oben. So wird vermieden, dass der ­langgezogene offene Raum mit den Bereichen Kochen, Essen und Wohnen Schlauch- oder Tunnelcharakter erhält.

Farbe auf Beton
Doch kehren wir noch einmal zurück ins Obergeschoss: Hier zeigt sich, was sich im Vergleich zu den Vorbesitzern alles verändert hat. «Das Haus war modern-nüchtern – langweilig», erinnert sich Innenarchitektin Schmidt. «Überall war Sichtbeton, das hab ich abgemildert durch einen weissen Anstrich. Jetzt ist das Ambiente viel freundlicher. Sehr viel Farbe brachte auch die ­Bauherrin ins Spiel.» In der Tat setzen Stoffe und Einrichtungsgegenstände in grellen Grün-, Orange- und Lilatönen Akzente.

Das Schlafzimmer bietet durch die Glasfront einen herrlichen Ausblick auf den Bodensee bis zum gegenüberliegenden Ufer. Auffällig unauffällig sind die schlanken Alu-Profile der Verglasung, die von der Schweizer Firma Sky-Frame stammt. «Die Vorbesitzer hatten hier nur Festverglasungen verbaut», wundert sich Gerda Schmidt immer noch. «Das führte zu Überhitzung und Feuchtigkeit wegen mangelnder Querlüftung.» Kein Wunder, dass es erste Schimmel­bildung im Haus gab. Jetzt lassen sich mehr Fenster und Türen ­öffnen. Ausserdem wurde eine Klimaanlage nachgerüstet.

Wie in allen Wohnräumen ist auch in den Rückzugsräumen der Familie der Boden mit amerikanischem Nussbaum belegt, dazu kommen die weiss gestrichenen Betonwände und stumpf einschlagende Türen: Glatte Oberflächen hatten offenbar hohe Priorität beim Bau des Hauses. In den Bädern ist der Beton grau belassen, was gut zum Schieferboden passt. Der Whirlpool im Elternbad fällt auf, weil er in den Boden eingelassen ist, oberhalb der Treppe. Die Bäder weisen zudem kleine Vorsprünge auf, die seitlich verglast sind, sodass sowohl Sichtschutz und natürliche Belichtung zugleich gewährleistet sind.


 
Das Wohngeschoss ist in der mittleren Ebene des Hauses platziert. Die Glasfront gibt einen herrlichen Blick auf Garten und See frei.
 
Die Bauherren haben das Haus bewusst im Stil der 70er Jahre eingerichtet. Hinter der Küchenzeile ist noch Stauraum für Vorräte.

Weiss und Orange
Das offene mittlere Geschoss präsentiert sich mit seiner Mischung aus Weiss- und Orangetönen sowie den expressiven Rundungen der Möbel in dem beabsichtigten 70er-Jahre-Touch, ohne antiquiert zu wirken. Vergrössert wird dieser zentrale Familienraum durch die grosse Terrasse, die einen herrlichen Blick in den Garten und auf den See bietet. Von diesem Raum nahmen die baulichen Änderungen am Haus ihren Anfang. «Ausgangspunkt war der riesige Kaminblock, der sich durch alle Ebenen zog, weil der Vorbesitzer auf der oberen und unteren Ebene eventuell einen Kamin oder Ofen nachrüsten wollte», berichtet die Innenarchitektin. Der Block wurde verkleinert und der Schornstein nach aussen geführt, denn ausser diesem Kamin mit Sichtscheiben nach drei Seiten soll es keine weitere Feuerstelle im Haus mehr geben. Dadurch wurde im Ober- und Unter­geschoss nicht nur die Wohnfläche vergrössert, sondern auch die Raumqualität erheblich verbessert.

Das Studio im Untergeschoss ist ein Multifunktionsraum, von dem aus man auf das vorgelagerte Holzdeck und in den Garten gelangt. Ein Aquarium dient als Raumteiler zum hangseitig ­gelegenen Bad. «Diese Lösung erforderte eine extra Fundamentierung», erklärt Gerda Schmidt. «Das war recht teuer!» Ausserdem sind in diesem Raum wie auch an anderen Stellen im Haus ­perforierte Plexiglasplatten an den Wänden befestigt. «Schall und Hall waren generell ein grosses Problem im Haus», erklärt die Innenarchitektin. «Jetzt ist es wesentlich besser geworden.»

Ein Haus entwickelt sich ständig weiter. Das gilt, wie dieses ­Beispiel zeigt, auch für einen jungen Neubau. Angesichts der ­Entstehungsgeschichte bis hierher verwundert es kaum, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Auf das Flachdach würden Bauherren und Innenarchitektin gern noch ein Halbgeschoss draufsetzen. «Mir schwebt irgendwas Space-iges vor», sagt Gerda Schmidt.

Text: Joachim Hoffmann, Fotos: Günther Franc Kobiela
zusätzliche Informationen in: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 2/2010

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