Wohlfühlen im kubisch-kantigen Haus

Das leuchtend weisse, kubisch-kantige Haus am Fuss einer 150-jährigen Eiche wurde konsequent baubiologisch und ökologisch gestaltet. Mit viel Liebe zum Detail haben Architektin, ausführende Handwerker und Bauherren ein ebenso ungewöhnliches wie wohnliches Haus geschaffen.
Das Passivhaus steht am Rande der Ortschaft Bludenz, am Fuss einer 150 Jahre alten Eiche. Der Wunsch nach einem «Leben im Einklang mit der Natur» ging hier in Erfüllung.
Die Aufgabe, ökologische und baubiologische Qualitäten in ästhetisch anspruchsvolle Architektur umzusetzen, beschäftigt viele Architekten und führt zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Im österreichischen Vorarlberg hat die Kunst, energiesparendes Bauen mit moderner Architektur zu verbinden, eine inzwischen langjährige Tradition gebildet, die sich in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit äussert: Man sieht es den Häusern nicht an, dass sie unter ökologischen Gesichtspunkten gebaut wurden.

Am Fuss der alten Eiche
Diese Unangestrengtheit kommt auch bei dem hier vorzustellenden Haus zum Ausdruck. Architektin Dr. Andrea Sonderegger nennt es «Pueblo unter der Eiche», weil es einerseits am Fusse einer 150 Jahre alten Eiche liegt und andererseits mit seinen zwei Kuben und dem im Inneren verwendeten Baustoff Lehm an die Pueblo-Baukultur der Indianer im heutigen Südwesten der USA erinnert.

Das Bauherrenpaar war «auf ein Leben im Einklang mit der Natur und den bedachtsamen Umgang mit Ressourcen und Energie bedacht», berichtet die Architektin. Deshalb beschlossen die Bauherren, ein Passivhaus zu bauen, was in etwa dem Minergie-P-Standard entspricht. Ausserdem sollten nur biologisch einwandfreie Stoffe aus heimischen Regionen zum Einsatz kommen.

Das Passivhaus steht am Rande der Ortschaft Bludenz, etwa 20 Kilometer östlich der Rheingrenze zwischen Österreich und der Schweiz. Es ist in den leichten Südhang gebettet. «Für das Haus wurde kein Gelände abgegraben oder aufgefüllt», betont Andrea Sonderegger. Auch das ist Teil der Ökobilanz des Hauses. Eine Zufahrtsstrasse führt den leichten Hang hinauf. Leuchtend weiss ragt das kubisch-kantige Haus aus den grünen Wiesen hervor. Auf einem langen schmalen Baukörper, der in Nord-Südrichtung verläuft, liegt ein zweiter breiterer mit Ost-West-Ausrichtung. Das Garagentor aus Corten-Stahl steht in farblichem Kontrast zur Putzfassade. Eine Trockenmauer bildet einen Eingangshof. «Die Steine für diese Mauer wurden ausschliesslich aus heimischem Baugrubenaushub gewonnen», betont die Architektin. Der grosse Holzstapel vor der Trockenmauer verweist bereits auf das Heizsystem des Hauses.
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Lehmwand und Ofen
Eine Lehmwand, gewissermassen die optische Ergänzung zum Ofen, separiert den Wohnbereich von der Küche, die in der Mitte des grossen Raumes angeordnet ist. Die Arbeitsinsel besteht aus einem mächtigen Betonwinkel. «Der musste per Kran hochgehievt werden», erinnert sich Architektin Sonderegger. Der Küche offen zugeordnet ist der Essbereich auf der Ostseite. Ein gezielt gesetztes Fensterband bildet den Rahmen für den Blick auf die Dorfkirche. Auf der Südseite bildet eine Glastür die Verbindung zu der grossen Dachterrasse, von der aus sich ein herrlicher Panoramablick von Ost bis West bietet.

Lediglich das Bad und das Schlafzimmer sind auf diesem Geschoss als abgeschlossene Räume gestaltet. Das nach Norden ausgerichtete Schlafzimmer bietet durch seine Fensteröffnungen Ausblicke auf die circa 150 Jahre alte Eiche, die Namensgeberin für das «Pueblo unter der Eiche».

Gesunde Baustoffe

Bei der Bauausführung wurde – wie eingangs erwähnt – auf die Verwendung gesunder heimischer Baustoffe Wert gelegt. «Das Material stammt aus einem Umkreis von maximal 100 Kilometern», betont Architektin Sonderegger. Sie gestaltete die beiden Geschosse in unterschiedlicher Bauweise. Während das Untergeschoss massiv aus Beton und Ziegelstein gebaut wurde, ist die obere Ebene in Holzmassivbauweise ausgeführt, wie übrigens auch die Decken beider Geschosse. «Das Bauholz stammt aus eigenem und heimischem Wald und diente zudem in Form von Holzfasern und Lehm-Holzschnitzelschüttung als Dämmmaterial», erklärt Sonderegger. Zum Einsatz kamen – ausschliesslich geölt – Kastanie, Eiche, Fichte für Fenster, Türen, Möbel, Böden und für die massive Holzbauweise.

Doch das Baubiologie- und Ökologiekonzept umfasst noch mehr Materialien. «Lehmschüttungen, Lehmwand und der Lehmkachelofen wurden aus dem eigenen Baustellenaushubmaterial angefertigt», zählt die Architektin auf. «Bei den Oberflächen im Rauminneren und Aussenbauteilen sowie bei den speziell entworfenen Möbeln wurde gänzlich auf Baufolien, Kleber und Lacke verzichtet. Es wurden ausschliesslich Baupapiere, Kalk- oder Lehmfarben, Kalk- oder Lehmputz und Filze für die Möbelbezüge verwendet.» Einziger Ausreisser aus dem Konzept ist die Hartschaumdämmung des Erdgeschosses. «Das liess sich wegen der Erdberührung nicht vermeiden.»

Hervorragende Energiebilanz
Einen besonderen Blick verdient die Technik, die es ermöglicht, den Passivhausstandard zu erreichen. Beheizt wird das Haus nämlich durch den Ofen im Wohnzimmer und eine 16 Quadratmeter grosse Solaranlage, die zudem für die Warmwasserbereitung zuständig ist und dort einen Jahresdeckungsgrad von 75 Prozent erreicht! Ein Pufferspeicher mit 800 Litern Fassungsvermögen speichert die Wärme und gibt sie an Wände und Fussböden weiter. Auch die eigens entworfenen Fensterrahmen aus geöltem Kastanienholz verdienen Beachtung. Sie sind mit Drei-Scheiben-Wärmeschutzgläsern, vertieftem Glaseinstand, speziellen Abstandshaltern und breiterem Rahmen ausgeführt. «Auf Dampfsperren, Noppenmatten und Estriche konnte gänzlich verzichtet werden.» Auch eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung trägt zur hervorragenden Energiebilanz bei. Damit die Haustechnik auch optimal aufeinander abgestimmt funktioniert, koordiniert ein Bus-System die einzelnen Komponenten wie Heizung, Jalousien, Licht, aber auch Wettermelder und Musikanlage.

Die Planungsphase dauerte eineinhalb Jahre, und die Bauzeit betrug auch noch einmal 16 Monate. Doch die Bauherren wollten ein für sie perfektes Haus und waren bereit, soviel Zeit zu investieren und sich auch um Details zu kümmern. Das Ergebnis gibt ihnen Recht. Gesunde Bauweise, geringer Energieverbrauch, grosszügige Gestaltung, herrliche Aussicht, viele Freiflächen und ein idyllischer Garten.





Text: Joachim Hofmann, Fotos: Günther F. Kobiela
zusätzliche Informationen in: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 3/2010

Architektur:
Dipl.-Ing. Dr. techn. Andrea Vogel-Sonderegger
Oberfeldgasse 14, 6922 Wolfurt, Österreich
Tel. 0043 5574 62646
www.andreasonderegger.com

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