Das Masswerkhaus

Architekt Beat Baumann gibt jedem seiner Projekte einen Namen. Dieses nannte er «Masswerkhaus», weil es ganz genau auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Bewohner zugeschnitten ist.
Mit dem grünen Flachdach ist das Gebäude ins gewachsene Terrain integriert.

Das Grundstück zwischen grasenden Kühen am Hang hat die Bauherrschaft zwei Jahre vor Planungsbeginn erworben. Wer das Eigenheim planen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. Um die Frage zu beantworten, luden die Bauherren zwei Büros zum Entwurf ein. Beide Vorschläge gefielen sehr gut, aber die Entscheidung fiel zugunsten von Beat Baumann, Architekturwerkstatt Zeitgeist, Brittnau. Baumann setzte sich nicht nur stark mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Paares auseinander, er berücksichtigte auch die Hanglage und die ungewöhnliche Dreiecksform des Grundstücks besser.

Ins Terrain integriert
Der Baukörper liegt wie auf einer Insel im Flussbett. Die graue Umrandung aus Flusskies schafft Kontrast zur üppigen, grünen Landschaft. Überzeugt waren die Bauherren auch von der guten Integration des Gebäudes in das gewachsene Terrain. Ruhig läuft die Natur an den Gebäudekanten entlang, somit war nur wenig Aushub notwendig. Kommt man vom Fuss des Hangs auf das Wohnhaus zu, so dominiert das liegende Beton-L. Dahinter verbirgt sich das Obergeschoss, welches vom schwarzen, etwas zurückversetzten Eingangsgeschoss getragen wird. Über eine abgerundete Aussenwand führt es den Besucher unmittelbar zum überdachten Eingang mit Windfang. Ferner sind auf dieser Ebene die Heizzent­rale, ein Gästebereich mit Bad, Lagerräume, ein Hobbyraum und der Carport untergebracht.

Grundriss nach Mass
«Wie ein massgeschneiderter Anzug muss auch die Architektur eines Hauses auf die Anforderungen seiner Bewohner zugeschnitten werden», so die Meinung des Architekten. Dies ist eine sehr komplexe Aufgabe, die individuelle Lösungen verlangt. Einer Skulptur ähnlich erhebt sich die schwarze, mit Brachialputz beworfene Sickerbetonwand neben der Treppe. Das kühl-schimmernde Material steht im Kontrast zum warmen Holz der Treppe, die den Besucher ins Obergeschoss führt. Dort öffnet sich geradewegs die breite Terrasse, rechts erreicht man das Wohnzimmer und links den Koch-/Essbereich. Entsprechend dem Wunsch der Bauherren wurden Wohnen und Essen getrennt. Der an die Küche anschliessende Gang führt zum Wohnbad. Dort dominieren glatte Betonoberflächen, vom Fussboden bis in die Badewanne. Für Wärme sorgen Einbauschränke aus Roteiche, die die Struktur des Betons aufzunehmen scheinen. Das Schlafzimmer mit Ankleide gliedert sich direkt an das Wohnbad an. Jeder Raum und auch der Gang leben vom Ausblick auf Natur, Wasser und gestalteten Freiraum.

Vor Ort gegossener Beton
Die Rohmaterialien werden so gezeigt, wie sie aus der nahen Umgebung bezogen und verbaut wurden. Es gibt keinen Putz, der die gespachtelte Wand versteckt, und keinen Unterlagsboden, der die sorgfältig abgeschliffene Rohdecke verbirgt. Das Bauprojekt stellte auch für die beteiligten Handwerker eine Herausforderung dar, denn für die vor Ort gegossenen Betonoberflächen war Präzisionsarbeit gefragt – besonders bei der im Boden eingelassenen Badewanne.

Innenraum gleich Aussenraum
Viele Planer streben da­nach, Innen- und Aussenraum fliessend ineinander übergehen zu lassen. Die Ergebnisse sind oft unbefriedigend. Hier hingegen wurde eine Musterlösung erzielt. Daher kann man kaum von Aussen- und Innenraum als zwei Bereichen sprechen. Öffnet man die vier Meter breiten Schiebetüren vor dem Esstisch, ist das Esszimmer so offen wie ein Gartensitzplatz. Der Wohn-/Essbereich erhält dadurch viel Tageslicht. «Wir bemerken häufig, dass die Nachbarn viel früher als wir das Licht einschalten. Bei uns ist es sehr lange hell», so die Bauherrin. Dies ist auch bei geschlossener Terrassentüre bis in die späten Abendstunden der Fall. Dann reflektiert die Wasseroberfläche des Schwimmteichs, der bis an die Fassade heranreicht, das Sonnenlicht.

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Licht, Farbe und Reflektion
Das Spiel mit dem Licht versteht Architekt Baumann vortrefflich. Bunte Glasscheiben bieten ein spannendes, von Jahreszeiten und Witterung abhängiges Wechselspiel. Die farbigen Gläser im Vordach zaubern orange und grüne Muster an die Innenwand. Man stutzt über die Wellenbewegung an der Decke und sucht unwillkürlich nach dem Projektor, der diese hervorbringt. Doch hier gibt es keine Hilfsmittel; die Wasseroberfläche des Schwimmteichs spiegelt sich an der Decke vor der Küchenzeile. Der nach Süden orientierte Bau nutzt das natürliche Licht überall, deshalb konnte man komplett auf Deckenleuchten verzichten. Gezielte Überlegungen, wo und wann man zusätzliches Licht benötigt, wurden angestellt. So unterstützen schlichte Wandleuchten beim Lesen oder Kochen. Die restliche Beleuchtung ist indirekt, sanft und sensibel wie warme Sonnenstrahlen.

Terrasse als Wohnraum
Die Terrasse mit ihren 90 Quadratmeter nimmt fast so viel Fläche wie das überbaute Volumen ein. Die Erschliessungszone erstreckt sich entlang des Flusskiesstreifens. Parallel dazu bringt der Schwimmteich das Element Wasser mit ins Spiel. Am Ende der Badelandschaft wurde eine Sitzgruppe eingerichtet: Puristisch stapeln sich hier Terrassenplatten aus Beton übereinander. Das Element Feuer findet seine Position in einer Aussparung im Bretterboden mit entsprechender Brandfestigkeit. Bei der Aussenbeleuchtung galt «Weniger ist mehr»; die klassische Glühbirne wurde ohne Fassung scheinbar direkt in den Beton geschraubt.

Alles ist erlaubt
Was überzeugt ist die Tatsache, dass bei diesem Entwurf nichts unmöglich war. Trotz des klaren Grundprinzips nutzten Bauherren und Architekt ihren Spielraum. Dem streng geradlinigen Konzept mit dem liegenden L wurden runde, organische Formen bei Eingang und Treppe gegenübergestellt. Diese Elemente schaffen Spannung, ohne den Leitgedanken zu verwässern. Die Umsetzung bewies Mut und Eigenwilligkeit – Eigenschaften, die Bauherren und Architekt zu einem herausragenden Wohnobjekt beflügelten.

Text: Carmen Eschrich, Fotos: Thomas Hämmerli
zusätzliche Inforamtionen in: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 3/2010
weitere Architekturreportagen im Archiv

Planung und Ausführung

Architekturwerkstatt Zeitgeist
Beat Baumann
Mühlackerweg 3
4805 Brittnau AG
Telefon: 062 751 50 18
www.zeitgeist-architektur.ch
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