Auf alten Grundmauern

Einst stand auf diesem Traumgrundstück am Vierwaldstättersee ein Haus aus den 1960er Jahren, das die neuen Besitzer eigentlich umbauen wollten. Verschiedene Gründe führten dann doch zum Abriss bis auf den Keller und zu einem Neubau auf alten Grundmauern.
Das Haus liegt an exklusiver Lage im Grünen. Das auskragende Attikageschoss überdacht den seitlichen Eingangsbereich.

Wer träumt nicht von einem Grundstück am See, noch dazu an idyllischer und aussichtsreicher Lage? Der Vierwaldstättersee hat diesbezüglich einiges zu bieten, doch sind die bevorzugen Lagen meist schon bebaut. Oft sind es ältere Liegenschaften, die zum Verkauf gelangen. Auch wenn diese Objekte auf den ersten Blick ihren Reiz haben, so genügen sie oftmals nicht mehr den heutigen Architektur- und Wohnansprüchen. Ein allfälliges Umbauprojekt stösst bei solchen Häusern schnell einmal an seine Grenzen und vermag nur selten zu überzeugen.

Traumgrundstück mit alter Liegenschaft

Auch die Bauherrschaft dieses Hauses fand ihr Traumgrundstück am Vierwaldstättersee, genauer gesagt in St. Niklausen bei Luzern, und auch sie erwarb ein älteres Haus mit parkähnlichem Grundstück. Die Lage bot nicht nur eine fantastische Seesicht, sondern auch eine eigene Uferzone. Ursprünglich sollte das bestehende Haus aus den 1960er Jahren umgebaut werden, doch waren es vor allem statische Gründe, die schliesslich zum Abriss bis auf den Keller und zu einem zweistöckigen Neubau auf altem Grundriss führten. Die Bauherrschaft hatte sich für das geplante Umbauprojekt an den Architekten Carlos Antonietty aus Luzern gewandt, der sich bereits mit dem Bau einiger Privathäuser an der Ufern des Vierwaldstättersees profilieren konnte und auch das Nachbarhaus der Bauherrschaft umgebaut hatte.

«Wir waren von diesem Umbau begeistert und haben uns deshalb an den verantwortlichen Architekten gewandt», erklärt die Bauherrschaft, ein Ehepaar mit drei erwachsenen Kindern, von denen eines noch bei den Eltern wohnt. «Unser Haus sollte raummässig auf einen Zweipersonenhaushalt zugeschnitten, aber ein Treffpunkt für alle sein. Wir wünschten uns eine moderne, offene Architektur und eine möglichst grosszügige Aussicht in den Garten und auf den See.» Doch dies lies die bestehende Bausubstanz kaum zu. «Ein Umbau des Hauses hätte einige Probleme und Kompromisse mit sich gebracht und kaum gelohnt», äussert sich Architekt Carlos Antonietty: «Manchmal sind ein Abriss und Neubau die sinnvollere und bessere Lösung, auch wenn es ein wenig radikal tönt und die Bauherrschaft anfangs nicht darauf eingestellt ist.» In diesem Fall mussten allerdings auch Kompromisse eingegangen werden, und zwar bezüglich der bestehenden Grundmauern, der Raumhöhen im Untergeschoss, der Raumaufteilung im Erdgeschoss sowie der Raumgrössen im Obergeschoss aufgrund der Ausnutzungsbeschränkung.

Rampe und Kiesbeet

Der auf den alten Grundmauern errichtete Neubau steht an leichter Hanglage. Das Untergeschoss mit Garage wurde beibehalten und tritt nur mit einer Einliegerwohnung nach aussen in Erscheinung. Eine lange Fussgängerrampe führt neben der Garagenzufahrt zur Eingangstür im Erdgeschoss. Die nordwestlich orientierte Eingangsfassade zeigt sich zurückhaltend und weitgehend geschlossen. Das Obergeschoss erscheint als auskragende holzverschalte «Kiste» mit markanten Balkon- und Fenstereinschnitten. Es umfasst die Schlaf- und Nebenräume und öffnet sich an zwei Seiten auf eine grosse, als Schiffsdeck angelegte Dachterrasse.

Fast andächtig schreitet der Besucher die Rampe hinauf zum überdeckten Hauseingang, der von einem Wasserbecken flankiert ist. Ein Kiesbeet umgibt das ganze Haus und erzeugt zusammen mit dem schlichten Eingangsportal sowie dem Wasserbecken einen meditativen, fast japanisch anmutenden Eindruck. Für den Architekten ist dieses Kiesbeet der «Schlossgraben», der das Gebäude umgibt und abschirmt. Das Kiesbeet geht in einen Kiesweg über, der sich wie ein Bach durch den Park bis hinunter zum Seeufer schlängelt und dort in einen kleinen bekiesten Gartensitzplatz mündet. Architektur geht hier gekonnt in Landschaftsarchitektur über.


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Bühne auf fürs Wohnen
Beim Betreten des Hauses gelangt man in ein relativ dunkles Entree, an das sich rechts ein eindrückliches Treppenhaus anschliesst. Schwungvoll führen die Stufen und der Handlauf aus dunklem Eichenholz nach oben, eingefasst von weissen Wänden und stimmungsvoll erhellt von einem Fenster im Obergeschoss. Man schreitet also nach oben ans Licht. Vom Entree geht der Blick geradeaus in den lichterfüllten Wohnbereich und weiter in den Garten. Links ans Entree schliessen sich Nebenräume an. «Wenn wir unser Haus betreten, sind wir jedesmal vom Raumerlebnis, den Lichtstimmungen und der Aussicht überwältigt», schwärmen die Bewohner. Das Entree ist wie ein dunkler Zuschauerraum, während der Wohnraum zur hellen Bühne wird. Und der Garten und die Aussicht sind hier mehr als eine blosse Kulisse. Durch das Öffnen der breiten Doppeltür aus dunklem Holz zwischen Entree und Wohnraum kann dieser Effekt vom Dunklen zum Hellen noch dramaturgisch gesteigert werden. Dann heisst es wirklich: Bühne auf fürs Wohnen!

Ausblicke und Lichtführung

Raffiniert ist auch die Lichtführung im Wohnraum. Die Wand zur Strasse hin wird über einen Fensterschlitz in der Decke dezent erhellt. Die Bewohner haben hier Bilder aufgehängt, die so ins rechte Licht gerückt werden. Im Mittelpunkt des Hauses, zwischen Wohnbereich und Küche, steht der grosse runde Esstisch. Dem Essbereich und der anschliessenden Küche ist ein eingeschobener, gedeckter Aussensitzplatz vorgelagert, der an seiner Schmalseite auch mit dem Wohnbereich in direktem Kontakt steht. Bodentiefe Fenstertürfronten sorgen für Ausblicke und Zutritt nach draussen. Die Küche mit freistehender Kochinsel und Panoramablick lässt sich über eine grosse Schiebetür vom Wohn-/Essbereich abtrennen. «Ich liebe diese grosse, helle Küche mit ihrer fantastischen Aussicht. Meistens lassen wir die Schiebetür offen, dann ist dieser Raumtrenner auch nicht zu sehen. Doch manchmal ist es praktisch, wenn man die Küche mit einem Handgriff verschwinden lassen kann», kommentiert die Hausfrau die bauliche Lösung.

Aussenplätze

Einen grossen Stellenwert bei dieser Liegenschaft nimmt der Aussenraum ein. Der gedeckte Sitzplatz vor dem Haus erweitert das Wohnen nach draussen. Ein weiterer Gartensitzplatz liegt als Kiesinsel in Ufernähe. Auch die Dachterrasse ist eine idyllische Freiluft-, Freizeit- und Rückzugsoase und wird hier zum Upperdeck. «Wir sind hier mitten im Grünen und mitten in der Schweiz und wir fühlen uns hier wie in den Ferien», kommentiert eine sichtlich zufriedene Bauherrschaft und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: «Wenn wir nicht so alt wären, würden wir sicherlich noch einmal mit Herrn Antonietty bauen.»

Architekt:
Antonietty Architekten AG
6005 Luzern
www.antonietty.ch

Text: Werner Lehmann, Fotos: Thomas Hämmerli
zusätzliche Informationen in: Raum und Wohnen, Heft Nr. 08/2010
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