Ein Lehmhaus als grüne Oase
Grosse Ehre für ein kleines Haus im solothurnischen Deitingen: Das Lehmhaus des Gärtnermeisters Ueli Flury bekam anlässlich der «Bau 2011» in München an der «Detail Gala 2011» den Sonderpreis für «Green Architecture».
Von Grund auf grün: Die Baumaterialien stammen alle aus der näheren Umgebung. Das Gebäude ist vollständig recycelbar und produziert keinen Abfall. Im Vordergrund die Pflanzen-Kläranlage.
«And the winner is…» heisst es nicht nur bei der Oscarverleihung der Filmbranche. Hochspannung herrschte auch in den historischen Räumen des Schlosses Nymphenburg in München bei der «Detail Gala 2011» am 19. Januar. Unter den Anwesenden auch der Schweizer Gärtnermeister Ueli Flury und sein Architekt Beno Aeschlimann von der Bieler Spaceshop Architekten GmbH. Aeschlimann und sein Team sind nicht vergeblich nach München gereist. Für das Wohnhaus Flury in Deitingen im Kanton Solothurn wurde den Spaceshop Architekten der Sonderpreis «Green Architecture» verliehen. Mit der folgenden Begründung: «Das Projekt zeigt eindrucksvoll, dass Ökoarchitektur ihr Stigma überwunden hat. Die zugrundeliegenden Prämissen Autarkie, Ökologie und Gesundheit werden selbstsicher in einer modernen und klaren Architektursprache umgesetzt. Für das Wohnhaus Flury wurden lediglich lokale Baustoffe und nachwachsende Materialien aus dem nahen Umfeld verwendet. Das Gebäude ist vollständig recycelbar und produziert keinen Abfall. Das Projekt ist sehr rational und setzt sich souverän mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander.»
Internationale Anerkennung
Architekt Beno Aeschlimann, eben zurück aus München, freut sich sehr: «Das ist eine grosse Ehrung für ein kleines Projekt, das ganz auf Lokalität aufbaut.» Gleichzeitig findet er die Entscheidung erstaunlich, fand sie doch im Rahmen einer grossen Messe statt, die auf kommerzielle Projekte ausgerichtet ist: «Das Thema des lokalen Baustoffs hinterfragt die grenzenlose Mobilität unserer Gesellschaft und den riesigen Materialtransfer in der Baubranche.»
Kommerziell ist am Haus Flury so gut wie nichts. Es ist ein durch und durch individuelles, eigenwilliges Projekt. «Wenn ich schon baue, dann soll es nicht 0-8-15 sein», war Flurys Devise. Er wollte ein Haus mit möglichst guter Energiebilanz, auch, was die graue Energie betrifft, und eine unabhängige Energie- und Wasserversorgung. Als Baustoff Lehm, Holz und recycelte Steine aus der Region, eine Stückholzheizung, eine Komposttoilette und eine eigene Pflanzenkläranlage. Zum Zeitpunkt, als die Spaceshop Architekten beigezogen wurden, war bereits viel Vorarbeit geleistet, das Konzept eines autarken Hauses stand. Ein Projektteam hatte drei Jahre gearbeitet, Energiefragen gelöst, die Haustechnik definiert. Was noch fehlte, war eine architektonische Hülle. Auch hier überliess Flury nichts dem Zufall. Er investierte in einen Architekturwettbewerb. Vier Büros wurden eingeladen, dem Konzept eine Hülle zu geben, ein architektonisch gut gestaltetes und zukunftsweisendes Gebäude zu entwerfen. Es sollte autark funktionieren und sich beim Innenausbau auf ein absolutes Minimum beschränken. Den Zuschlag gab eine eigens bestimmte Fachjury den Spaceshop Architekten, die sich explizit als Dienstleister verstehen.
Roher Lehm, alte Grabsteine
Wichtig war dem eigenwilligen Bauherrn, dass das Haus aus baubiologischen Materialien besteht, die aus der näheren Umgebung kommen, und dass es selbst mit Energie versorgt. Die Komposttoilette, die bestens funktioniert, und die rohen Lehmwände sind sicher nicht jedermanns Sache. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Terrasse, die Kellertreppe und das Fundament des Hauses teilweise aus alten Grabsteinen bestehen. Ueli Flury sieht das pragmatisch. Bei der Gartengestaltung verwendet er schon länger ausrangierte Grabsteine, und bisher sind ihm keine Gespenster erschienen. Obwohl seine italienischstämmigen Bekannten sich mit diesem unkonventionellen Baumaterial nicht anfreunden konnten, fühlen sich inzwischen alle Freunde und Bekannten im Hause Flury wohl. Sogar Leute, die in einem Minergie-Haus leben, loben das angenehme Raumklima, berichtet Flury mit Genugtuung. Er selbst konnte sich mit dem Minergiekonzept nicht so recht anfreunden, kritisiert, dass die Graue Energie dabei zu wenig berücksichtigt werde, und hat auch auf eine Lüftungsanlage, wie sie bei Minergie Vorschrift ist, verzichtet.
Grüne Oase
Wer nun vermutet, Ueli Flury sei ein «Grüner» durch und durch, der irrt. Beruflich ist er viel mit dem Auto unterwegs, rund 40000 Kilometer pro Jahr. Das ist Teil seines Jobs als Inhaber einer grossen Landschaftsgärtnerei. Immerhin ist er sozusagen in grüner Mission unterwegs. «Wir schaffen Oasen für den Alltag, lauschige Gärten und coole Badeteiche», ist auf seiner Visitenkarte zu lesen. Wenn er jetzt von der Arbeit nach Hause kommt, geniesst er die Ruhe der eigenen grüne Wohn-Oase. Das Nachlegen von Stückholz ist Teil der Entspannung, und statt in den Fitnessraum geht er einmal in der Woche Holz hacken. Alle Arbeiten am und ums Haus empfindet er als Teil seiner Lebensqualität. Einen Telefonanschluss, Internet und Fernsehen vermisst er nicht im Geringsten.
Projektteam
Hans Klötzli, Klötzli und Friedli Landschaftsarchitekten, Bern
Ryszard Gorajek, AAB Atelier für Architektur und Bauökologie, Bern
Ueli Flury, Bauherr, Gartenbau Flury und Emch, Deitingen
www.flury-emch.ch
Architektur
Spaceshop Architekten GmbH
2500 Biel 3
Tel. 032 365 55 50
www.spaceshop.ch
Der Detail Preis für Ästhetik und Konstruktion wurde im Januar 2011 zum vierten Mal vergeben. Der Preis wird im Zweijahresrhythmus von Detail, Institut für internationale Architektur-Dokumentation, München, in Kooperation mit der Weltleitmesse Bau und Industriepartnern ausgelobt. Prämiert werden realisierte Bauwerke, die sich in besonderem Masse durch gut gestaltete, zukunftsorientierte und technisch innovative Details innerhalb eines herausragenden Gesamtentwurfs auszeichnen.
Der Hauptpreis ist mit 10000 Euro dotiert, die Sonderpreise mit jeweils 2000 Euro. Durch neue erweiterte Kategorien wird verstärkt Wert auf branchenübergreifende Zusammenhänge gelegt und das interdisziplinäre Netzwerk gestärkt.
www.detail.de/detailpreis2011
Text: Christine Vollmer Fotos: Stefan Weber
aus: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 5-2011
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