Natürliche Ressourcen schonen

Für Bruno Oberle, Direktor des Bundesamts für Umwelt BAFU, stellt der Klimawandel eine der grössten Herausforderungen dar, vor der wir stehen. Er fordert eine neue industrielle Revolution, um den Energieverbrauch zu senken. Interview: Focus Events

In welchem Zustand ist heute aus Ihrer Sicht unsere Umwelt?

Bruno Oberle:
Unser Umweltbericht aus dem Jahr 2009 zeigt, dass wir bei der Wasser- und Luftqualität, bei den chemischen Schadstoffen und beim Schutz vor Naturgefahren grosse Fortschritte gemacht haben. Wichtige Probleme sind jedoch noch nicht gelöst: Stichworte sind Mikroverunreinigungen in den Gewässern sowie Feinstaub und Ozon in der Luft. Dem Fortschritt im technischen Umweltschutz steht der Druck auf die Umwelt und die Ressourcen gegenüber. Die Schweiz ist ein kleines, stark besiedeltes Land mit negativen Folgen für die Böden, die Biodiversität und das Ruhebedürfnis der Menschen. Zudem nimmt der Konsum weiter zu, was zu immer mehr Ressourcenbedarf und grösseren Abfallmengen führt.

Wo sehen Sie die prioritären Baustellen und die entsprechenden Massnahmen?

Bruno Oberle:
Unsere grösste Herausforderung ist, den Verbrauch der natürlichen Ressourcen so zu begrenzen, dass diese auch den nachfolgenden Generationen in ausreichendem Mass und Qualität zur Verfügung stehen und das Klima stabil bleibt. Zurzeit verbrauchen wir rund das Zweieinhalbfache dessen, was ressourcenverträglich ist. Damit wir unsere Lebensgrundlagen effizient nutzen, müssen wir in grüne Technologien investieren: Es braucht gleichsam eine neue industrielle Revolution.

Sind Sie noch immer über den Ausgang des Kopenhager Gipfels enttäuscht und wohin geht jetzt der klimapolitische Weg?

Bruno Oberle:
Ich war nicht enttäuscht vom Resultat in Kopenhagen. Das dort ausgehandelte Papier drückt einen grossen politischen Willen der wichtigen Wirtschaftsnationen aus, den Klimawandel zu bekämpfen und bekennt sich erstmals zum 2-Grad-Ziel. Dies war ein wichtiger Schritt auf einem nach wie vor langen Weg. Gemessen an den sehr hohen Erwartungen an die Konferenz bin ich nicht erstaunt, dass sie in der öffentlichen Meinung als gescheitert gilt. Dadurch ist viel Vertrauen verloren gegangen, dass nun wieder aufgebaut werden muss.

Holznutzung hat in der Schweiz eine Renaissance erlebt. Welche Schwerpunkte verfolgt das BAFU und welche Konsequenzen haben diese für die Holzwirtschaft?


Bruno Oberle:
Das BAFU fördert die Holznutzung mit dem Aktionsplan Holz. Dieser will eine leistungsfähige und innovative Schweizer Wald- und Holzwirtschaft, die das nutzbare Holzproduktionspotenzial nachhaltig ausschöpft. Weitere Ziele sind die Steigerung des Holzanteils am Gebäudepark Schweiz und eine stärkere energetische Verwertung von Waldholz, Flurholz und Altholz. Wichtig ist jedoch das Prinzip der Kaskadennutzung. Das heisst: Holz wird zuerst mit maximaler Wertschöpfung als Werk- oder Baustoff und erst am Schluss des Lebenszyklus als Energieträger genutzt.

Energie und Klima haben einen teilweise inneren Zusammenhang. Wie schätzen Sie die Schweizer Energiepolitik ein?


Bruno Oberle:
Die Energiepolitik und die Klimapolitik sind über weite Strecken abgestimmt und gehen Hand in Hand. Sie verfolgen beide die Verminderung des Treibhausgasausstosses und die effiziente Verwendung von Energie. Im Bereich der erneuerbaren Energien ist das Effizienz-Potenzial teilweise jedoch schon fast ausgeschöpft – z.B. bei der Wasserkraft. Zudem ist die Schweiz ein dicht besiedeltes Land und der Druck auf die Ressourcen und die Landschaft ist gross. Um beispielsweise allfällige Konflikte im Bereich der Windenergie erst gar nicht aufkommen zu lassen, haben die drei betroffenen Amtsstellen ARE, BFE und BAFU Empfehlungen erarbeitet, welche Ende März 2010 veröffentlicht wurden.

Wo sehen Sie Aktionsfelder für Forschung und Entwicklung im Klima- und Energiebereich?


Bruno Oberle:
Grundsätzlich muss sich unsere Gesellschaft weg von der fossil basierten Energieversorgung bewegen. Dieser Schritt ist sowohl für den Klimaschutz als auch für die nachhaltige Energieversorgung positiv. Der Ersatz von fossilen Energien ist jedoch oft mit einem erhöhten Stromverbrauch verbunden (z.B. Wärmepumpe, Elektrofahrzeuge). Dies bedeutet einerseits grossen Forschungsbedarf im Bereich der intelligenten Stromnetze, wo viele kleine dezentrale Energiequellen mit unterschiedlichen Produktionsrhythmen (Wind, Sonne, usw.) mit wenigen grossen Anlagen (z.B. Staudämme, KVA) interagieren und in Zukunft auch Aspekte der Energiespeicherung bis in die Batterien der Autos integriert werden. Andererseits sind Energieeffizienzfragen in Produkten, vom Fernseher bis zum Hochhaus ein weiteres grosses Feld für angewandte Forschung. Weiter sind für die Zukunft Anpassungsstrategien an den Klimawandel gefragt, sei es in Bezug auf land- und forstwirtschaftliche Produktion oder in Bezug auf Gefahrenprävention, Gewässermanagement, Schutz der Artenvielfalt usw. Auch die Energiewirtschaft ist vom Klimawandel betroffen: Ändern sich die Niederschläge und die Abflussregime, wirkt sich das auf den Pegelstand der Stauseen und Fliessgewässer aus.

Der energie-cluster.ch unterstützt mit Wissens- und Technologie-Transfer Innovationen im CleanTech-Bereich. Wie schätzen Sie diese Aufgabe ein?

Bruno Oberle:
Diese Aufgabe ist sehr wichtig, weil erstens ein Wissens- und Technologietransfer (WTT) zwischen der Wissenschaft und der Wirtschaft stattfinden muss, damit überhaupt Innovationen entwickelt werden. Zweitens muss eine Verbreitung dieser Innovationen von pionierhaften Firmen, meistens KMU, unterstützt werden. Dies geschieht nicht von selbst. Es braucht gezielte Information und Weiterbildung von Fachleuten. Der energie-cluster.ch löst diese Aufgabe im Energiebereich beispielhaft gut mit viel Engagement und Kompetenz. Das BAFU unterstützt seinerseits das WTT-Konsortium Eco-net, das sich auf die Erfüllung dieser Aufgabe im restlichen, nicht-energieorientierten Cleantech-Bereich konzentriert. Eine vermehrte Zusammenarbeit dieser beiden Organisationen wäre sicher von Vorteil.

Das neue Gebäudeprogramm wurde als ein Pfeiler der schweizerischen Klimapolitik definiert. Aufgrund der aktuellen Situation scheinen Mitnahmeeffekte möglich. Wäre es nicht wichtiger, die Entwicklungsspitze zu fördern, wie das Plusenergiehaus?

Bruno Oberle:
Es braucht das eine wie das andere. So zielt das Gebäudeprogramm auf die Sanierung der rund 1,5 Mio. Liegenschaften, die in der Schweiz energetisch dringend saniert werden müssen. Bei Neubauten haben andererseits die Kantone die Mustervorschriften verschärft, so dass diese nur noch rund halb soviel Wärmeenergie verbrauchen dürfen. Dies entspricht einer Annäherung an die bisherigen Minergie-Anforderungen. Die Vision, dass ein Haus selber mehr Energie produziert, als es verbraucht, lässt sich heute schon verwirklichen. Die flächendeckende Umsetzung geschieht aber nicht von heute auf morgen, da ist ein pragmatisches Vorgehen nötig.

Nach den Zahlen des BAFU erreichen wir 2010 die gesetzlich verordneten Reduktionsziele beim CO2 nicht? Die leichte Senkung im Gebäudebereich wird durch die nach oben zeigende Treibstoff-Kurve kompensiert. Auf jedem Quadratmeter der Schweiz lastet heute noch immer 1 kg CO2. Was schlagen Sie vor, um den Gesetzesbruch zu vermeiden?

Bruno Oberle:
Vergessen Sie nicht, dass für die Zielerreichung neben der Verminderung des Ausstosses im Inland auch die von der Schweiz finanzierten Emissionsreduktionen im Ausland angerechnet werden dürfen (Kauf von Emissionszertifikaten durch die Stiftung Klimarappen). Für das Kyoto-Protokoll darf zusätzlich die Senkenleis-tung des Schweizer Waldes berücksichtigt werden. In der Gesamtbilanz kann die Schweiz so das Ziel des Kyoto-Protokolls und das Gesamtziel des CO2-Gesetzes voraussichtlich knapp erreichen, wenn die auf Anfang 2010 eingeführten Massnahmen (Erhöhung der CO2-Abgabe, Gebäudeprogramm) die erwartete Wirkung zeigen. Das Teilziel des CO2-Gesetzes für die Treibstoffe wird hingegen auch unter Berücksichtigung des Zertifikatekaufs durch den Klimarappen nicht erreicht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die im Rahmen der Revision des CO2-Gesetzes vom Bundesrat vorgeschlagenen Emissionsvorschriften für Personenwagen ohne Abstriche vom Parlament genehmigt werden.


Interview: Focus Events
aus: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 5/2010
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