Der Systemgedanke bei Möbeln kommt vor allem bei Regal- und Schranksystemen zum Tragen. Das Angebot ist zahlreich, doch sehen sich diese Produkte meist auffallend ähnlich. Wo Raster, Rechteck, Kubus und damit eine klaren Ordnung herrschen, scheint es nur wenig gestalterischen Spielraum zu geben.
Dem Systemmöbelgedanken neues Leben einzuhauchen, ist ein Anliegen von Eva Paster und Michael Geldmacher. Schon der Name ihres 1999 in München gegründeten Büros «Neuland Industriedesign» ist Programm, nämlich gestalterisches Neuland zu betreten. Anfangs arbeitete die Firma vor allem im Bereich des klassischen Industriedesigns, seit fünf Jahren konzentriert man sich auf den Entwurf von Möbeln für internationale Kunden. «Wir wollen Dinge, die in der Vergangenheit erstarrt oder schlichtweg stecken geblieben sind, in die Gegenwart transferieren», lautet ihre Kernaussage. Analytisch, experimentell und intuitiv geht das Designerduo diese Aufgaben an. Dazu sind eine neue Perspektive, ein anderer Blick auf die Dinge notwendig – auch bei Regal- und Schranksystemen.
Mehr als nur System
Am Anfang stand das 2007 lancierte Regal «Random» für den italienischen Hersteller MDF. Die addierbaren Elemente basieren wie üblich auf Senkrechte und Waagerechte, doch erscheinen Aufteilung und Rasterung eher nach dem Zufallsprinzip. Ein Jahr später folgte für den gleichen Hersteller «Melody», in dessen Rahmen unterschiedlich abgewinkelte Tablare ein rhythmisch-geometrisches Spiel erzeugen. Die Tablare sind ein- oder zweimal rechtwinklig abgestuft und können auch um 180 Grad gedreht in den Regalrahmen eingesetzt werden. Damit bieten sich vielfältige Anordnungs- und Kombinationsmöglichkeiten an.
Langsam erkannten der Markt und andere Möbelhersteller das Potenzial dieser neuen spielerischen Dimension, die Neuland bei den Regalentwürfen ins Spiel brachte. Die Verkaufszahlen stiegen und es folgten erste Auszeichnungen, darunter die Wahl des Möbels «Melody» zum «Möbel des Jahres 2008» der Zeitschrift Raum und Wohnen.
Von der Fläche zum Relief
In diesem Jahr stellte der deutsche Möbelhersteller Interlübke das skulpturale Schranksystem «Reef» vor. Wie kann man das eher langweilige Thema Schrank beleben, ohne rein modische Gags, war die Frage. Neuland Industriedesign löste die Aufgabe mit versatzförmigen Schrankelementen in unterschiedlichen Höhen und Tiefen, die sich zu einem rhythmischen Gesamtbild formen und die aus der Innenaufteilung resultieren. Die Schrankfront wird so zu einem reizvollen, abwechslungsreichen Relief mit kaskadischen Formen. «Wir haben das Ganze von innen nach aussen entwickelt, meist läuft es anders herum. Es ist keine plastische Umgestaltung der Oberfläche, die räumliche Wirkung erwächst aus dem Ensemble versatzförmiger Elemente. Denken sie an ein Riff voller Leben, strukturiert nach den Bedürfnissen seiner Bewohner», kommentiert Eva Paster den Entwurf.
Schlitze mit System
Einen andere Ansatz fand Neuland für den Schrank «K1», der im Frühling an der Mailänder Möbelmesse bei Nils Holger Moormann seine Premiere hatte. Aufbauend auf dem mehrfach prämierten und überraschend einfachen Regalpaneel «Insert Coin» – ebenfalls bei Moormann in Produktion – entwickelte das Designerduo einen Schrank, der auf einem Stecksystem mit Schlitzen basiert. Die waagerechten Schlitze sind Teil der Konstruktion und wirken wie ein dekoratives Raster. Die systematischen Einschnitte nehmen die Spannung aus den grossen Schichtholzflächen und lösen so ein Materialproblem. Michael Geldmacher nennt sie deshalb «Entspannungsrisse». «Technisch ist der K1 unser komplexestes Modell, was man dem Möbel durchaus nicht ansieht», so der Designer.
Abschliessend sei das Regalmodul «Fin» für den italienischen Hersteller B-line erwähnt. Ein kleines farblackiertes Aluminiumgebilde für die Wandmontage, das mit seinen drei Ablageflächen ein oder mehrere Bücher waagerecht aufnimmt. Auch hier liegt der Reiz in der freien Anordnung mehrerer Einzelelemente. «Raus aus der Normierung und gewohnte Denkschemata verlassen» – Neuland bleibt sich auch hier treu.
Internet:
www.neuland-id.de
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